Verschobene Grenzen: Thüringer Zustände 2025 – Rechtsextreme Normalisierung und die Erosion der Demokratie

Veröffentlichung der Publikation „Thüringer Zustände 2025“

Die aktuellen Analysen der Thüringer Zustände zeigen deutlich: Die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen haben sich im Jahr 2025 tiefgreifend verschoben. Rechtsextreme Positionen sind sichtbarer, sagbarer und alltäglicher geworden. Die These dieser Ausgabe ist klar: Die extreme Rechte hat sich im Alltag etabliert – und die Normalisierung von Rechtsextremismus ist in kürzester Zeit weit vorangeschritten. 

Bereits in den vorherigen Ausgaben wurde das Erstarken des Rechtsextremismus in Thüringen dokumentiert. Diese Entwicklung hat sich nicht nur bestätigt, sondern verstetigt. Sie schafft ein Klima, in dem Unsicherheiten wachsen, Fachkräfte sich zurückziehen und Strukturen, die demokratisches Engagement stärken, zunehmend unter Druck geraten. 

Schulen unter Druck: Mehr Vorfälle, mehr Unsicherheit 

Besonders deutlich wird diese Entwicklung im schulischen Alltag. Schulen sehen sich mit einer stark gestiegenen Zahl und Intensität rechtsextremer Vorfälle konfrontiert. Dazu Romy Arnold, Projektleiterin von MOBIT: „Erfahrungen aus der Beratungspraxis zeigen, dass Lehrkräfte und Schulsozialarbeit häufig an ihre Grenzen geraten. Der bereits beobachtete Trend einer stärkeren rechtsextremen Orientierung unter Jugendlichen setzt sich fort und prägt zunehmend das Schulklima“. 

Zugleich zeigt sich: Gesellschaftliche Diskurse bleiben nicht abstrakt. Sie wirken sich konkret aus – bis hin zu Gewalt. Die Schüsse auf internationale Studierende in Ilmenau stehen exemplarisch für eine Eskalation, in der sich politische Rhetorik, lokale Spannungen und reale Gewalt gegenseitig verstärken. 

Betroffene: Anhaltend hohes Niveau rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt 

Die Zahl rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalttaten bleibt alarmierend hoch. Im Jahr 2025 wurden in Thüringen von der fachspezifischen Gewaltopferberatung ezra 181 Angriffe dokumentiert. Mindestens 292 Menschen waren direkt betroffen, darunter auch Kinder und Jugendliche. Damit ereigneten sich im Durchschnitt mehr als drei Gewalttaten pro Woche. „Rechte Gewalt ist für viele Betroffene längst kein Ausnahmefall mehr, sondern alltägliches Risiko. Neben unserem unabhängigen Monitoring zeigen dies auch die Zahlen des BKA: Im bundesweiten Vergleich auf 100.000 Einwohner*innen belegt Thüringen auch 2025 den dritten Platz bei rechter politisch motivierter Gewalt. Besonders besorgniserregend ist zudem die Brutalität vieler Angriffe. An diese Zustände dürfen wir uns nicht gewöhnen“, so Theresa Lauß, Projektleiterin von ezra. 

Internationale Studierende: Verunsicherung und Abwanderung 

Die veränderte Lage bleibt nicht ohne Folgen für internationale Studierende und Absolvent*innen. „Interviews zeigen, dass insbesondere Menschen mit internationaler Geschichte zunehmend rassistische Erfahrungen im Alltag machen. Dies führt zu wachsender Verunsicherung und beeinflusst Lebens- und Bleibeentscheidungen“, verdeutlicht Laura Dellagiacoma, wissenschaftliche Mitarbeiterin des KomRex. 

Ein Klima der Einschüchterung, Unsicherheit im Umgang mit rechtsextremen Positionen sowie fehlende Rückendeckung führen somit dazu, dass internationale Studierende und Absolvent*innen Thüringen den Rücken kehren. Mit Blick auf den massiven Fachkräftemangel in Thüringen spitzt sich hier eine bereits dramatische Entwicklung weiter zu. 

Zivilgesellschaft im Visier: Delegitimierung und politische Angriffe 

Parallel dazu verschlechtern sich die Rahmenbedingungen für zivilgesellschaftliches Engagement spürbar. Organisationen, Initiativen und Beratungsstellen sehen sich zunehmenden Angriffen ausgesetzt – politisch, öffentlich und digital. 

„Debatten über einen angeblichen ‘NGO-Komplex’ sowie gezielte parlamentarische Initiativen und mediale Kampagnen tragen zur Delegitimierung demokratischer Akteur*innen bei”, so Cornelius Helmert, Politikwissenschaftler am IDZ. Besonders problematisch ist, dass diese Narrative teilweise auch von demokratischen Kräften aufgegriffen werden und sich verstärkt in politischem und administrativem Handeln niederschlagen. 

Fazit: Mehr rechtsextremer Einfluss, weniger demokratischer Widerstand 

Die Entwicklungen verdeutlichen eine doppelte Dynamik: Während rechtsextreme Akteure an Einfluss gewinnen und ihre Positionen normalisieren, wird die Gegenwehr geschwächt. Einschüchterung, gesellschaftliche Verschiebungen und politische Angriffe auf demokratische Strukturen greifen ineinander. Die Ergebnisse dieser Ausgabe machen deutlich: Es geht längst nicht mehr nur um einzelne Vorfälle. Es geht um eine grundlegende Verschiebung gesellschaftlicher Normalität – und um die Frage, wie tragfähig demokratische Gegenstrategien unter diesen Bedingungen noch sind. 

Was sind die „Thüringer Zustände“? 

Die Publikationsreihe bietet eine kompakte, faktenbasierte Darstellung und kritische Einordnung der Situation des Rechtsextremismus, des Antisemitismus und Rassismus, der Abwertung, Diskriminierung und Hassgewalt im Freistaat Thüringen. Sie ist eine zivilgesellschaftliche Ergänzung zu den vorliegenden, teilweise lückenhaften Einschätzungen der zuständigen staatlichen Behörden. Die „Thüringer Zustände“ erscheinen das fünfte Jahr in Folge. 

Druckexemplare und PDF-Version 

Kostenlose Druckexemplare der „Thüringer Zustände 2025“ können ab sofort bei den herausgebenden Institutionen bezogen werden. Die PDF-Version ist hier verfügbar: www.thueringer-zustaende.de. 

Herausgebende 

Die „Thüringer Zustände“ werden herausgegeben von ezra – Beratung für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Thüringen, von MOBIT – Mobile Beratung in Thüringen – für Demokratie – gegen Rechtsextremismus, vom KomRex – Zentrum für Rechtsextremismusforschung, Demokratiebildung und gesellschaftliche Integration der Friedrich-Schiller-Universität Jena und vom IDZ – Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft. 

Für Rückfragen stehen Ihnen zur Verfügung:  

Romy Arnold (MOBIT) | E-Mail: romyarnold@mobit.org 
Cornelius Helmert (IDZ) | E-Mail: cornelius.helmert@idz-jena.de 
Theresa Lauß (ezra) | E-Mail: theresa.lauss@ezra.de
Vladimir Bojarskich (KomRex) | E-Mail: komrex@uni-jena.de