Die Pressemappe mit Pressemitteilung und Grafiken gibt es als PDF-Datei hier zum Download.
Die Opferberatungsstelle ezra hat im Rahmen ihres unabhängigen Monitorings im Jahr 2025 insgesamt 181 rechte, rassistische und antisemitische Angriffe in Thüringen registriert. Mindestens 292 Menschen waren direkt betroffen oder wurden mit angegriffen, darunter 24 Kinder und 20 Jugendliche. Damit fanden nach dem Monitoring der Opferberatung in Thüringen auch 2025 mehr als drei rechte Gewalttaten pro Woche bzw. 8,7 rechte Gewalttaten auf 100.000 Einwohner*innen statt. Auch wenn der historische Höchststand aus dem letzten Jahr nicht erneut erreicht wurde, bewegen sich die Fallzahlen weiterhin auf einem alarmierend hohen Niveau. Das ist auch vor dem Hintergrund zu betrachten, dass 2025 kein sogenanntes Superwahljahr war: Entsprechend gingen Angriffe auf politische Verantwortungsträger*innen (2025: 3, 2024: 8) und Vorfälle im Kontext von Demonstrationen (2025: 12, 2024: 6) zurück. Die Entwicklung der vergangenen Jahre zeigt, dass sich seit dem Ende der Corona-Maßnahmen 2022 rechte Gewalt in Thüringen besorgniserregend verstetigt hat.

Zusätzlich liegen ezra durch die Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Fraktion Die Linke Hinweise auf weitere 83 Verdachtsfälle rechter Gewalt 2025 in Thüringen vor, die bislang nicht in die unabhängige Statistik aufgenommen wurden. ezra wird diese Fälle nun prüfen und mögliche Nachregistrierungen vornehmen. Bereits im vergangenen Jahr hatte eine vergleichbare Kleine Anfrage deutliche Unterschiede zwischen staatlicher Erfassung und unabhängiger Opferberatung sichtbar gemacht. Die Antwort auf die Kleine Anfrage macht auch deutlich, dass Thüringen nach den Zahlen des BKA im bundesweiten Vergleich auf Platz drei rechtsmotivierter Gewalttaten landet (gerechnet auf 100.000 Einwohner*innen).

„Das Ausmaß rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt bleibt in Thüringen auf alarmierend hohem Niveau. Rechte Gewalt ist für viele Betroffene längst kein Ausnahmefall mehr, sondern alltägliches Risiko – in der Straßenbahn, im Wohnumfeld oder auf dem Weg zur Arbeit. Besonders besorgniserregend ist die Brutalität vieler Angriffe, bei denen die Täter schwerste Verletzungen oder auch den Tod von Menschen bewusst in Kauf nehmen. Es ist ein gesamtgesellschaftlicher Auftrag, dieser Normalisierung aktiv entgegenzutreten“, so ezra-Projektleiterin Theresa Lauß.
Haupttatmotiv erneut Rassismus – gefolgt von Angriffen auf politische
Gegner*innen
Rassismus bleibt mit 103 Angriffen das dominierende Tatmotiv und macht 57 Prozent aller von ezra registrierten Vorfälle aus. Auch Angriffe auf politische Gegner*innen bleiben mit 33 Fällen auf hohem Niveau. Diese richten sich insbesondere gegen Aktivist*innen (19). Hinzu kommen 16 queerfeindliche sowie 10 antisemitische Angriffe. Weiterhin verzeichnet ezra 4 sozialdarwinistische Gewalttaten, 3 gegen politische Verantwortungsträger*innen, 3 gegen Nichtrechte, bei 9 Fällen ist das Tatmotiv unbekannt.

Diese Kontinuität von Abwertung und Gewalt bleibt nicht folgenlos. Sie führt dazu, dass sich Betroffene zurückziehen, Orte meiden und sich alltägliche Bewegungsräume verengen. Viele verlassen Thüringen oder denken darüber nach, wegzuziehen, wie eine Beratungsnehmende schildert:
„Für 20 Jahre dachte ich, dass Ilmenau meine Heimat sei. Ich habe die Stadt als Studentin, als Mutter, Wissenschaftlerin und aktiver Teil der Gesellschaft erlebt. Ich dachte, in Ilmenau Wurzeln zu haben. Aufgrund der erlebten Rassismus- und Diskriminierungserfahrungen von mir und anderen Betroffenen sowie der geänderten politischen Stimmung in der Stadt, hatte ich immer das Gefühl, dass etwas Schlimmeres passieren kann. Für mich und meine Kinder war es schwierig, eine neue Heimat zu finden. Ich wünsche jedem Menschen eine Heimat, in der er nicht diskriminiert wird.“
Hemmschwelle für Taten mit potenziell tödlicher Gewalt sinkt
Insgesamt registrierte ezra 99 physische Angriffe, darunter einfache Körperverletzungen (53), gefährliche Körperverletzungen (34), Brandstiftungen (5) und schwere Körperverletzungen/versuchte Tötungen (7). Die Gewalt richtet sich dabei gegen Menschen aufgrund tatsächlicher oder zugeschriebener Merkmale und trifft sie häufig in alltäglichen Situationen. Sie zielt dabei nicht nur unmittelbar auf die Betroffenen, sondern schränkt auch deren eigentlich garantierte Wahrnehmung von Grundrechten und ihre gesellschaftliche Teilhabe ein. Mehrere Fälle in Erfurt verdeutlichen die besondere Brutalität der Taten und ihre potenziell tödlichen Folgen: So wurde im September ein Mann aufgrund eines Davidsternanhängers in einer Straßenbahn aus antisemitischen Motiven beleidigt, bedroht und zusammengeschlagen. Zwei Schwarze Frauen wurden im Juni während einer Fahrkartenkontrolle rassistisch beleidigt und körperlich angegriffen, weiterhin wurde im Juli ein schwules Paar homofeindlich attackiert; einer der Betroffenen stürzte nach einem Schlag zu Boden, schlug mit dem Kopf auf einen Betoneimer auf und wurde weiter getreten.

Auch rechte Brandanschläge zeigen die lebensgefährliche Dimension rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt. So kam es in Nordhausen in einem mehrheitlich von Migrant*innen bewohnten Wohnkomplex über die letzten Jahre immer wieder zu neonazistischen Hassschmierereien und zu mehreren Brandstiftungen. Im Ilm-Kreis griffen Täter eine Geflüchtetenunterkunft an, indem sie zunächst die Fensterscheibe eines von einer Familie bewohnten Zimmers einschlugen und anschließend eine Feuerwerksbatterie hineinwarfen. Die Familie musste durch das Fenster fliehen, die Mutter wurde dabei verletzt. Zudem wird der extrem rechten Gruppierung „Letzte Verteidigungswelle“ ein Brandanschlag auf eine Gemeinschaftsunterkunft in Schmölln zugerechnet.
Schwerpunktregionen: Erfurt, Jena & Ostthüringen
Die meisten Angriffe ereigneten sich im öffentlichen Raum, in Verkehrsmitteln sowie im direkten Wohnumfeld der Betroffenen. Erfurt bleibt mit 35 Angriffen Schwerpunktregion rechter Gewalt, gefolgt von Jena (22), dem Altenburger Land (16), Gera (12) und dem Landkreis Nordhausen (12). Auch der Landkreis Greiz ist mit 9 registrierten Angriffen stark betroffen. Ostthüringen bleibt somit ein Hotspot rechter Gewalt.
Um Betroffene vor Ort schneller unterstützen und die Netzwerkarbeit in der Region stärken zu können, eröffnete ezra im August 2025 eine Regionalstelle in Gera. Die Regionalstelle hat sich inzwischen als wichtiger Anlaufpunkt für Angegriffene in Ostthüringen etabliert.

Thüringenweit erbrachte ezra 2025 888 Unterstützungsleistungen, dazu zählten insbesondere Beratungsgespräche (315), Gespräche mit und Vermittlungen an Rechtsanwält*innen (113), Unterstützungen im Gerichtsverfahren (71), Vermittlungen zu Ärzt*innen, Psychotherapeut*innen (32) etc. Viele dieser Fälle begleiten die Berater*innen über mehrere Jahre. Opferberatung ist damit kein punktuelles Angebot, sondern ein dynamischer und langfristiger Prozess, der verlässliche und professionalisierte Strukturen voraussetzt.
Nur die Spitze des Eisbergs – Betroffene nicht im Stich lassen
Sowohl die unabhängige Monitoringarbeit von ezra als auch die polizeiliche Erfassung bilden jeweils nur Teile des sogenannten Hellfeldes ab. Hier braucht es einen vertiefenden Dialog zwischen der Gewaltopferberatung und den Ermittlungsbehörden, um Diskrepanzen zwischen Erfassungssystemen und Bewertungskriterien zu identifizieren.
Darüber hinaus ist von einem erheblichen Dunkelfeld rechter Gewalt auszugehen. Viele Betroffene melden Angriffe nicht – etwa aus Angst vor weiteren Bedrohungen, mangelndem Vertrauen in Behörden oder weil rechte Gewalt für sie bereits Teil des Alltags geworden ist. Die tatsächliche Dimension rechter Gewalt in Thüringen dürfte daher deutlich über den bekannten Zahlen liegen.
Die Unterstützung von Betroffenen ist nicht allein eine Frage individueller Hilfe, sondern auch des Schutzes demokratischer Teilhabe. Denn Demokratie lebt davon, dass Menschen ihre Rechte wahrnehmen können, ohne sich durch Gewalt und Bedrohungen aus dem öffentlichen Leben drängen zu lassen.
Gleichzeitig steht die notwendige Unterstützungsinfrastruktur unter Druck. Die aktuellen Unsicherheiten rund um die Finanzierung des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ gefährden aus Sicht von ezra die langfristige Unterstützung von Betroffenen rechter Gewalt und damit auch die Voraussetzungen für eine demokratische und offene Gesellschaft. Dazu sagt Projektleiterin Theresa Lauß:
„Wir schauen mit Sorge auf die bevorstehende Landtagswahl in z. B. Sachsen-Anhalt. Dort zeigt sich die Gefahr, dass veränderte politische Mehrheitsverhältnisse zur Kürzung oder Abschaffung professioneller Beratungs- und Unterstützungsstrukturen führen können. Gerade in einer Zeit, in der die Zahlen rechter Gewalt Höchststände erreichen, braucht es verlässliche Anlaufstrukturen. Der Schutz von Betroffenen darf nicht von politischen Entwicklungen abhängen.“
Ein wirksamer Umgang mit der beschriebenen Realität erfordert langfristig abgesicherte Strukturen, einen Ausbau von Beratungsangeboten – insbesondere in bislang unterversorgten Regionen – und politische Entscheidungen, die den Schutz von Betroffenen tatsächlich priorisieren.
Für Rückfragen erreichen Sie ezra-Projektleiterin Theresa Lauß per E-Mail an
theresa.lauss@ezra.de.
Weiterführende Links
Deutscher Bundestag (2026). Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Ferat Koçak, Clara Bünger, Anne-Mieke Bremer, weiterer Abgeordneter und der Fraktion Die Linke. Drucksache 21/5031. Politisch motivierte Kriminalität-rechts in den Bundesländern 2025.
Online: https://dserver.bundestag.de/btd/21/056/2105639.pdf [01.06.2026].
Deutscher Bundestag (2025). Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Clara Bünger, Doris Achelwilm, Violetta Bock, weiterer Abgeordneter und der Fraktion Die Linke. Drucksache 21/133. Politisch motivierte Kriminalität-rechts in den Bundesländern.
Online: https://dserver.bundestag.de/btd/21/014/2101418.pdf [01.06.2026].
ezra arbeitet in Trägerschaft des re:solut e.V. (Rundum engagiert: solidarische Unterstützung in Thüringen e.V.), einem selbstständigen Werk der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Seit April 2011 unterstützt die Beratungsstelle Menschen, die angegriffen werden, weil Täter*innen sie einer von ihnen abgelehnten Personengruppe zuordnen. Zu dem Beratungsangebot zählen u. a. die psychosoziale Beratung, die Suche nach geeigneten Ärzt*innen, Therapeut*innen und Rechtsanwält*innen sowie die Begleitung von Terminen bei Behörden (Polizei, Gericht etc.).
Gefördert wird die Opferberatungsstelle im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ durch das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie über das Thüringer Landesprogramm für Demokratie, Toleranz und Weltoffenheit „DenkBunt“.
Die Veröffentlichung stellt keine Meinungsäußerung des TMSGAF oder des BMBFSFJ dar. Für inhaltliche Aussagen und Meinungsäußerungen tragen die Publizierenden dieser Veröffentlichung die Verantwortung.



