Hintergrundtext zur ezra-Jahresstatistik 2025: Rechte, rassistische und antisemitische Gewalt bleibt 2025 in Thüringen alarmierend hoch 

Der Text erschien – leicht verändert – auch in den „Thüringer Zuständen 2025“.

Im Jahr 2025 hat die Opferberatung ezra im Rahmen ihres unabhängigen Monitorings zu rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Thüringen 181 Angriffe erfasst, bei denen mindestens 292 Menschen direkt betroffen oder mit angegriffen wurden, darunter 24 Kinder (0 bis 13 Jahre) und 20 Jugendliche (14 bis 18 Jahre). Damit fanden in Thüringen mehr als drei rechte Gewalttaten pro Woche statt. Folglich bewegen sich die Fallzahlen weiterhin auf dem sehr hohen Niveau der letzten Jahre, welches sich seit dem Ende der Corona-Maßnahmen 2022 eingependelt hat. Dass der historische Höchststand von 2024 nicht wieder erreicht wurde, ist auch vor dem Hintergrund zu sehen, dass 2025 kein sogenanntes Superwahljahr war. Folglich haben z. B. Angriffe auf politische Verantwortungsträger*innen abgenommen (2025: 3, 2024: 8). In diesem Zusammenhang kann auch die Abnahme von Vorfällen im Kontext von Demonstrationen verortet werden (2025: 7, 2024: 12). 

Rassismus bleibt dominierendes Tatmotiv 

Das häufigste Tatmotiv bleibt Rassismus mit 103 Angriffen, also 57 Prozent aller von ezra registriertenVorfälle. Es wird deutlich, dass sich (extrem) rechte und rassistische Rhetorik in Gewalt gegen Menschen umwandeln kann und die Hemmschwelle gegenüber rassifizierten Personen besonders gering ist. Dies muss auch im Zusammenhang mit den hohen Zustimmungswerten für die extrem rechte Partei AfD gesehen werden. So sprach eine Schwarze Frau einen Wahlkämpfer der Partei an und verbat sich, dass dieser einen Flyer in ihren Briefkasten werfe. Daraufhin erwiderte dieser, in Hinblick auf die prognostizierten Wahlergebnisse seiner Partei: „Dann wird es dich hier nicht mehr geben.“ 

Angriffe auf politische Gegner*innen, Antisemitismus, Sozialdarwinismus 

Angriffe auf politische Gegner*innen sind mit 33 Angriffen auch 2025 das zweithäufigste Tatmotiv. Der verzeichnete Rückgang bei Angriffen auf politische Verantwortungsträger*innen (3) ist explizit nicht Ausdruck einer Entspannung, sondern kann eher auf die geringere Dauer und Intensität des Wahlkampfgeschehens und damit verbunden auch weniger öffentlichen Auftritten zurückzuführen sein. Besonders häufig sind mit 19 Angriffen Aktivist*innen betroffen, die aufgrund ihres persönlichen politischen Engagements als Ziel markiert werden. So stellte z. B. eine antifaschistische, politisch aktive Person aus dem Altenburger Land während der Fahrt fest, dass die Radmuttern an den Rädern des Autos über Nacht gelockert wurden. Die betroffene Person geht von einem rechten Tatmotiv aus. Ein solches Beispiel zeigt die (potenziell) tödliche Dimension rechter Gewalt: Täter*innen nehmen nicht nur Verletzungen, sondern auch den Tod der Betroffenen in Kauf. Zugleich sind Einschüchterung und Rückzug der Betroffenen aus politischem Engagement zentrale Ziele dieser Taten. Bei Angriffen auf Journalist*innen ist ezra im Jahr 2025 nur ein Fall bekannt geworden. 

Im Bereich antisemitisch motivierter Gewalt registriert ezra 10 Fälle und damit weiterhin ein erhöhtes Niveau im Vergleich zu früheren Jahren. Damit setzt sich die Entwicklung fort, die seit der Zäsur vom 7. Oktober 2023 – dem terroristischen Großangriff der Hamas auf Israel – zu beobachten ist. 

Die Entwicklung im Bereich antisemitischer Gewalt, ordnet RIAS Thüringen wie folgt ein:

Die von ezra dokumentierten Vorfälle antisemitischer Gewalt zeigen, dass Jüdinnen*Juden in Thüringen einer konstanten und vielschichtigen Bedrohung ausgesetzt sind. Dies deckt sich mit den Beobachtungen von RIAS Thüringen. Demnach äußert sich Antisemitismus nicht nur in Gewalttaten, sondern auch in unterschiedlichen Formen antisemitischer Anfeindungen unterhalb der Gewaltschwelle. Diese Taten ereignen sich in einer gesellschaftlichen Atmosphäre, in der antisemitische Vorfälle in Thüringen kontinuierlich zunehmen und in unterschiedlichen ideologischen Zusammenhängen auftreten, beispielsweise in linken, antiimperialistischen, antiisraelischen, verschwörungsideologischen oder rechtsextremen Kontexten. Vor dem Hintergrund dieser Bedrohungslage bleibt ezra als Beratungsstelle auch für Betroffene antisemitischer Gewalt unverzichtbar.

Weiterhin zählt ezra 4 sozialdarwinistische Angriffe und 3 gegen nichtrechte Personen. Im Bereich Queerfeindlichkeit verzeichnetezra 16 Angriffe. Die Zahl bleibt damit auf dem Vorjahresniveau, besonders auffällig ist 2025 die Brutalität der Taten: In der Mehrheit handelt es sich um gefährliche (6) und einfache (4) Körperverletzungsdelikte. Ein lebensgefährlicher Angriff in Erfurt verdeutlicht diese Entwicklung: Ein schwules Paar wurde auf dem Heimweg homofeindlich beleidigt und angegriffen. Die Betroffenen hielten sich an den Händen, als der Täter unvermittelt von hinten mit der Faust auf einen der Männer einschlug. Der Betroffene fiel zu Boden, schlug mit dem Kopf auf einen Betoneimer auf und wurde dort weiter von dem Täter getreten. Solche Vorfälle machen deutlich, dass Täter*innen bereits alltägliche und sichtbar gelebte queere Identität als Anlass für Angriffe nehmen. Damit wirkt queerfeindliche Gewalt über die Tat hinaus und führt dazu, dass sich andere Betroffene unsicher fühlen und sich in der Konsequenz weniger sichtbar zeigen. 

Körperverletzungen, Brandstiftungen und Nötigungen  

Die meisten der registrierten Angriffe sind mit 99 Fällen physische Angriffe wie einfache (53), gefährliche (34), schwere Körperverletzungen (einschließlich des Versuchs) sowie versuchte Tötungen (7) und Brandstiftungen(5). Rechte Gewalt äußert sich damit nicht nur in Gewaltandrohungen, sondern auch in der konkreten und unmittelbaren Ausübung physischer Gewalt. Einige Beispiele verdeutlichen, dass Täter*innen gezielt Menschen aufgrund sichtbarer Merkmale und daraus resultierenden Zuschreibungen im öffentlichen Raumangreifen: Im September wurde ein Mann in einer Straßenbahn aufgrund seiner Halskette mit einem Davidsternanhänger antisemitisch attackiert und zusammengeschlagen. Ebenfalls in der Straßenbahn wurden zwei Schwarze Frauen während einer Fahrkartenkontrolle rassistisch diskriminiert und anschließend körperlich angegriffen. Die Betroffenen leiden unter physischen und psychischen Folgen. Das zeigt: Busse und Bahnen stellen für Betroffene einen alltäglichen, aber gefährlichen und prekären Raum dar. Die räumliche Enge undfehlende Fluchtmöglichkeiten führen dazu, dass Betroffene diesen Situationen ausgeliefert sind und sich das Ohnmachtsgefühl verstärkt. 

Im Bereich der Brandstiftungen ist der Angriff auf eine Geflüchtetenunterkunft in Gehren (Ilm-Kreis) hervorzuheben, bei dem die Täter zunächst in einem von einer dreiköpfigen Familie bewohnten Zimmer mit einer Gehwegplatte die Scheibe einschlugen und anschließend eine Feuerwerksbatterie hineinwarfen. Die Familie musste vor dem Brand durch das Fenster fliehen. Dabei verletzte sich die Mutter. Für die Betroffenen hat sich der Angriff „wie Krieg“ angefühlt, sie leiden noch immer unter den Folgen (ezra 2026). Zudem soll die extrem rechte Gruppierung „Letzte Verteidigungswelle“ einen Brandanschlag auf eine Gemeinschaftsunterkunft in Schmölln verübt haben, Mitglieder der extrem rechten Jugendbewegung stehen aktuell in Hamburg vor Gericht (Henning et. al 2026). Als weitere Tatbestände machen Nötigungen und Bedrohungen – wie im Vorjahr – 82 Angriffe aus. 

Angsträume: öffentlicher Raum, Verkehrsmittel und Bahnhöfe sowie Wohnumfeld 

Rechte Gewalt trifft Betroffene in ihrem Alltag immer wieder: Wie die Beispiele bei den Körperverletzungsdelikten bereits deutlich machen, kommt es im öffentlichen Raum (44) sowie in öffentlichen Verkehrsmitteln (18) und an Bahnhöfen/Haltestellen (9) besonders häufig zu rechten Angriffen. Für die Betroffenen können sich diese Angriffsorte zu Angsträumen entwickeln, an denen sie sich unsicher fühlen. Aber auch die Wohnung und das Wohnumfeld sind nicht für alle Menschen sicher. ezra sind hier 14 Angriffe bekannt. Mitunter kommt es zu wiederholten Angriffen durch Nachbar*innen, die zu starken psychischen Belastungen bei den Betroffenen führen. So kam es in Nordhausen in einem Mehrfamilienhaus immer wiederzu extrem rechten Hassschmierereien und mehreren Bränden. Auch Angriffe auf Asylunterkünfte bzw. deren Umfeld (9) betreffen den Wohnraum von Menschen. Eine starke Abnahme gibt es bei Angriffen auf Räume politischer Organisierung (4; 2024: 14). 

Was sich – zumindest bislang – kaum in der Statistik niederschlägt, sind rechte Angriffe an Schulen. Hier wird Berater*innen, z. B. durch Kooperationspartner*innen, immer wieder von einer angespannten Situation an den Schulen berichtet (zur weiterführenden Einordnung siehe der Text von Doubek und Dressler in dieser Ausgabe). Diese Fälle werden jedoch nur selten bei ezra gemeldet. Die Diskrepanz zwischen den geschilderten Erfahrungen und wenig konkreten Fallmeldungen deuten auf ein großes Dunkelfeld hin, welches es zu erschließen gilt. Dazu braucht es u. a. sowohl die Bereitschaft von Schulen und Schulämtern, rechte Angriffe zu melden, als auch zusätzliche Ressourcen in der Beratung, um entsprechende Anfragen adäquat bearbeiten zu können 

Ostthüringen bleibt Hotspot rechter Gewalt 

Erfurt bleibt mit 35 rechten, rassistischen und antisemitischen Angriffen Schwerpunktregion. Darauf folgen Jena (22), das Altenburger Land (16), Gera (12) und der Landkreis Nordhausen (12). Auch im Landkreis Greiz registriert ezra 9 Fälle. Somit bleibt neben der Landeshauptstadt die Region Ostthüringen ein Hotspot rechter Gewalt, der für Betroffene zum wiederkehrenden Risiko wird. 

In solchen Kontexten entstehen dauerhafte Angsträume, in denen permanente Unsicherheit herrscht. Um die Betroffenen vor Ort schneller unterstützen und die Netzwerkarbeit in der Region ausbauen zu können, eröffnete ezra im August 2025 eine Regionalstelle in Gera. Diese hat sich als wichtiger Anlaufpunkt in der Region etabliert. Die Erfahrungen von Opferberatungen aus anderen Bundesländern bestätigen sich auch hier: Regionalstellen wirken aufgrund ihrer Nähe und dauerhaften Präsenz niedrigschwelliger und ermöglichen es den Betroffenen schneller, professionelle Beratungsangebote wahrzunehmen. 

Für viele Menschen ist der Alltag nicht sicher 

Viele Beratungsnehmende der Gewaltopferberatungsstelle haben vor dem Angriff, der sie zu ezra führt, eine Vielzahl an rassistischer Herabwürdigung und Diskriminierung erlebt: sei es am Arbeitsplatz, im Supermarkt, im Wohnumfeld oder der Straßenbahn. Mitunter begleiten diese Erfahrungen sie durch den ganzen Tag. Beratungsnehmende sind häufig bereits vorbelastet, haben mitunter keine Unterstützungsstrukturen und ziehen sich in der Folge zurück. 

Dies kann die unterschiedlichsten Menschen treffen: Von internationalen Studierenden, die an der TU Ilmenau mit Gummigeschossen beschossen wurden (s. Beitrag von Idrisova und Schäfer in dieser Ausgabe) über die Pflegefachkraft, die von ihren Klient*innen rassistisch abgewertet wurde, bis hin zum Lagerarbeiter, der nach monatelanger Herabwürdigung schließlich von seinem Vorarbeiter geschlagen und verletzt wurde, oder die Mutter, deren Kind in der Schule angegriffen wurde – und viele weitere.  

Die Kontinuität von Abwertung und Gewalt bleibt nicht folgenlos. Sie führt dazu, dass sich Betroffene zurückziehen, Orte meiden und sich alltägliche Bewegungsräume verengen. Manche verlassen wie diese Beratungsnehmende Thüringen: 

Für 20 Jahre dachte ich, dass Ilmenau meine Heimat sei. Ich habe die Stadt als Studentin, als Mutter, Wissenschaftlerin und aktiver Teil der Gesellschaft erlebt. Ich dachte, in Ilmenau Wurzeln zu haben. Aufgrund der erlebten Rassismus- und Diskriminierungserfahrungen von mir und anderen Betroffenen sowie der geänderten politischen Stimmung in der Stadt hatte ich immer das Gefühl, dass etwas Schlimmeres passieren kann. Für mich und meine Kinder war es schwierig, eine neue Heimat zu finden. Ich wünsche jedem Menschen eine Heimat, in der er nicht diskriminiert wird.“ 

Gleichzeitig besteht die Gefahr einer schleichenden gesellschaftlichen Gewöhnung und dass Angriffe, Bedrohungen und Ausgrenzung nicht mehr als das wahrgenommen werden, was sie sind: konkrete Gewaltverhältnisse. Rechte Gewalt ist keine Ausnahme mehr, sondern häufig alltägliches Risiko für Betroffene. Gerade deshalb ist entscheidend, dass bestehende Unterstützungsstrukturen verlässlich arbeiten können. Die aktuellen Unsicherheiten rund um das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ stehen dazu im Widerspruch. In einer Situation, in der Betroffene auf erreichbare Beratung, Begleitung und solidarische Netzwerke angewiesen sind, darf deren Finanzierung nicht infrage gestellt werden. Wo diese Strukturen geschwächt werden, hat das unmittelbare Folgen: weniger Unterstützung, weniger Sichtbarkeit, weniger Handlungsmöglichkeiten für Betroffene und ihr Umfeld. 

Ein wirksamer Umgang mit der beschriebenen Realität erfordert daher mehr als punktuelle Maßnahmen. Notwendig sind langfristig abgesicherte Strukturen, ein Ausbau von Beratungsangeboten – insbesondere in bislang unterversorgten Regionen – und politische Entscheidungen, die den Schutz von Betroffenen tatsächlich priorisieren. Nur so lässt sich verhindern, dass sich die beschriebenen Zustände weiter verfestigen. 

Literatur 

ezra (20.04.2026): „Der Brandanschlag hat unser Leben verändert. Es hat sich wie Krieg angefühlt.“ – Prozess zu rassistischem Brandanschlag auf Familie in Gehren (Ilm-Kreis) beginnt am Landgericht Erfurt. Online: https://ezra.de/der-brandanschlag-hat-unser-leben-veraendert-es-hat-sich-wie-krieg-angefuehlt-prozess-zu-rassistischem-brandanschlag-auf-familie-in-gehren-ilm-kreis-beginnt-am-landgeri/ [20.04.2026]. 

Henning, Philipp; Kampling, Katrin; Pinkert, Reiko; Stepputat, Hannes (05.03.2026). Terrorprozess gegen junge Neonazis beginnt. Online: https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/letzte-verteidigungswelle-prozess-100.html. [20.04.2026].