Opferberatung ezra fordert Sichtbarkeit für die Todesopfer rechter Gewalt in Thüringen und deren staatliche Anerkennung

Mit der Veröffentlichung des Gutachtens „Todesfälle mutmaßlich rechter Gewalt in Thüringen seit 1990“ liegt nun ein wichtiger Beitrag zur Aufarbeitung rechter Gewalt in Thüringen vor, welche von der Opferberatung ezra seit vielen Jahren gefordert wurde. ezra begrüßt, dass die untersuchten Fälle wissenschaftlich aufgearbeitet und Empfehlungen für den Freistaat Thüringen formuliert wurden, die nun öffentlich zugänglich sind. Auch deshalb sollten die Behörden jetzt proaktiv auf die Hinterbliebenen der Todesopfer zugehen. Gleichzeitig kritisiert ezra, dass das Gutachten nur in geschwärzter Form veröffentlicht wurde. 

„Wenn gesellschaftliche Verantwortung tatsächlich übernommen werden soll, müssen die Namen der Betroffenen öffentlich benannt werden – sofern Hinterbliebene dem nicht ausdrücklich widersprechen. Im Sinne einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung sind Sichtbarkeit und Erinnerung Voraussetzungen dafür, rechte Gewalt als gesellschaftliche Realität anzuerkennen und daraus Konsequenzen für heute und die Zukunft abzuleiten. Dazu gehört auch, rechte Tatmotive klar zu benennen und institutionelle Fehleinschätzungen kritisch aufzuarbeiten”, erklärt ezra-Projektleiterin Theresa Lauß.  

ezra fordert zudem die offizielle Anerkennung der zehn Todesopfern rechter Gewalt in Thüringen, die das Gutachten herausgearbeitet hat. „Eine Anerkennung würde es den Angehörigen ermöglichen, Härteleistungen beim Bundesamt für Justiz zu beantragen. Dies wiegt den Verlust eines geliebten Menschen nicht auf, kann aber Erleichterung verschaffen. Wir bieten Angehörigen an, sie bei der Beantragung von Entschädigungsleistungen mit unserer Expertise zu unterstützen und bitten die verantwortlichen Behörden, die Hinterbliebenen auf diese Möglichkeit hinzuweisen. Darüber hinaus wäre die staatliche Anerkennung ein stärkendes Signal an diejenigen, die auch heute von rechter Gewalt bedroht, angegriffen und mitgemeint sind“, erklärt ezra-Projektleiterin Theresa Lauß. 

Das Gutachten verdeutlicht erneut die Notwendigkeit eines regelmäßigen Dialogs zwischen Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Sicherheitsbehörden zur Reflexion der Bewertungskriterien rechter Gewalt. Dieser Einschätzung schließt sich ezra ausdrücklich an. Auch in Thüringen braucht es langfristige und institutionalisierte Dialogformate, in denen die Erfahrungen und fachlichen Einschätzungen unabhängiger Opferberatungsstellen systematisch berücksichtigt werden – sowohl für die Prävention als auch für eine realistische Erfassung rechter Gewalt und ihrer Folgen. 

Dem Forschenden-Team um Christoph Kopke, Felix Lange, Susanne Willems und Sebastian Wöll ist es gelungen, die Perspektiven verschiedener Akteur*innen auf die untersuchten Todesfälle umfassend zu recherchieren, zu systematisieren und auszuwerten sowie daraus wichtige Empfehlungen abzuleiten. Dafür dankt Ihnen ezra, ebenso wie den Diskutant*innen des Beirats sowie den Gedenkinitiativen, die in Thüringen seit vielen Jahren ehrenamtlich an die Todesopfer erinnern. 

Die Veröffentlichung des Gutachtens darf nicht den Schlusspunkt markieren. Jetzt braucht es Transparenz, Anerkennung und eine öffentliche Erinnerungskultur, die die Betroffenen rechter Gewalt und ihre Angehörigen nicht erneut unsichtbar macht.

In Gedenken an:  

Heinz Mädel (Erfurt, 1990), Ireneusz Szyderski (Erfurt-Stotternheim, 1992), Karl Sidon (Arnstadt, 1993) (das bislang einzig offiziell anerkannte Todesopfer rechter Gewalt in Thüringen), Rolf Baginski (Nordhausen, 1997), Jana G. (Saalfeld, 1998), Axel Urbanietz (Bad Blankenburg, 2001), Hartmut Balzke (Erfurt, 2003), Oleg Valger (Gera, 2004), Klaus-Peter Kühn (Suhl, 2012), Mario K. (Altenburg, 2020).  Diese getöteten Menschen wurden von den Forscher*innen zur Anerkennung als Todesopfer rechter Gewalt empfohlen (s. Gutachten S. 178f.).  

Folgende Personen werden von ezra darüberhinausgehend als Verdachtsfälle geführt:  

Mario Jödecke (Schlotheim, 1993) und Sandro Beyer (Sondershausen, 1993). 

Das Gutachten „Todesfälle mutmaßlich rechter Gewalt in Thüringen seit 1990“ ist in der Parlamentsdatenbank des Thüringer Landtags abrufbar: https://parldok.thltcloud.de/parldok/dokument/107248/8_3505_bericht_todesfaelle_mutmasslich_rechter_gewalt_in_thueringen_seit_1990_vom_21_september_2025#navpanes=0

ezra arbeitet in Trägerschaft des re:solut e.V. (Rundum engagiert: solidarische Unterstützung in Thüringen e.V.), einem selbstständigen Werk der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Seit April 2011 unterstützt die Beratungsstelle Menschen, die angegriffen werden, weil Täter*innen sie einer von ihnen abgelehnten Personengruppe zuordnen. Zu dem Beratungsangebot zählen u. a. die psychosoziale Beratung, die Suche nach geeigneten Ärzt*innen, Therapeut*innen und Rechtsanwält*innen sowie die Begleitung von Terminen bei Behörden (Polizei, Gericht etc.). 

Gefördert wird die Opferberatungsstelle im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ durch das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie über das Thüringer Landesprogramm für Demokratie, Toleranz und Weltoffenheit „DenkBunt“. 

Die Veröffentlichung stellt keine Meinungsäußerung des TMSGAF oder des BMBFSFJ dar. Für inhaltliche Aussagen und Meinungsäußerungen tragen die Publizierenden dieser Veröffentlichung die Verantwortung.