Hintergrundtext zur ezra-Jahresstatistik 2024: Rechte Gewalt entwickelt sich zu einem Massenphänomen – Erstmals über 200 rechte, rassistische und antisemitische Angriffe in Thüringen in 2024

Der Text erschien so auch in den „Thüringer Zuständen 2024“.

Für 2024 registrierte ezra in ihrer Jahresstatistik des unabhängigen Monitorings zu rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Thüringen 206 Fälle, bei denen mindestens 315 Menschen direkt betroffen oder mit angegriffen waren. Damit zeigt sich nicht nur ein deutlicher Anstieg im Vergleich zu 2023, sondern es wird erneut ein Höchststand erfasst. Außerdem werden erstmalig über 200 Angriffe innerhalb eines Jahres registriert. Das entspricht vier rechten Gewalttaten pro Woche (ezra 2025).

Balkendiagramm zeigt die Anzahl der Angriffe von 2014 bis 2024 mit einem Anstieg von 63 im Jahr 2014 auf 206 im Jahr 2024, mit Zwischenwerten und Schwankungen in den Jahren dazwischen.

Zunahme bei Angriffen auf politische Gegner*innen und queerfeindlicher Gewalt

Rassismus bleibt im Jahr 2024 mit 108 Fällen das häufigste Tatmotiv und damit auf dem sehr hohen Niveau des Vorjahres. Darin zeigt sich eine gefährliche Kontinuität, die seit 2021 eine erneute Verschärfung erfährt, nachdem es in den Jahren 2016 und 2017 zu einer Eskalation rassistischer Gewalt kam. Dies geht mit einer zunehmend massiven rechtsextremen Raumnahme einher: Beispielsweise werden Hakenkreuz-Graffiti als Kennzeichnung an Wohnhäuser angebracht, in denen vorwiegend Migrant*innen leben.

Eine Zunahme wird in der ezra-Jahresstatistik mit 47 Angriffen auch auf politische Gegner*innen verzeichnet. Gleichzeitig wurden auch mehr Angriffe auf politische Verantwortungsträger*innen registriert, die im Zusammenhang mit den sogenannten Bauernprotesten und den Wahlen im vergangenen Jahr standen. Dabei hat sich wiederholt gezeigt, dass die aggressive Feindbildmarkierung durch die extreme Rechte auch Politiker*innen zur Zielscheibe macht (ezra 2024).Ein besorgniserregender Anstieg wird auch bei queerfeindlichen Angriffen erfasst. Im Vergleich zum Vorjahr haben sich diese fast verdreifacht. Auch antisemitische Tatmotivationen bleiben seit dem 7. Oktober 2023, dem terroristischen Großangriff der islamistischen Hamas auf Israel, auf einem problematischen Niveau. 

Kreisdiagramm zeigt Tatmotive 2024 mit insgesamt 206 Fällen, aufgeteilt in Kategorien wie Rassismus (108), Gegen politische Gegner*innen (47), wegen sexueller Orientierung/geschlechtlicher Identität (16), politische Verantwortungsträger*innen (8), Antisemitismus (8), Unbekannt (6), Journalist*innen (6), Sozialdarwinismus (5) und Gegen Nichtrechte (2).

Mehr rechte Gewalt und Bedrohungen im öffentlichen Raum und im Wohnumfeld von Betroffenen

In Bezug auf die Angriffsorte zeigt sich, dass Angriffe und Bedrohungen im öffentlichen Raum und im Wohnumfeld von Betroffenen in erheblichem Maße zugenommen haben. Ein besonders drastisches Beispiel ist der Brandanschlag auf das Haus des ehemaligen SPD-Kommunalpolitikers Michael Müller im Februar 2024, der u.a. aufgrund dieser Erfahrung Thüringen verlassen hat (Rückewold 2025).

Außerdem werden mehr Angriffe auf bzw. in Räumen politischer Organisierung wie beispielsweise Partei- und Gewerkschaftsbüros registriert. Dabei werden nur massive Sachbeschädigungen in Form wiederholter Angriffe sowie Bedrohungs- und Körperverletzungsdelikte erfasst. Deshalb muss davon ausgegangen werden, dass die tatsächliche Zahl weitaus höher liegt. Sowohl im Bereich von Asylunterkünften als auch im Zusammenhang mit Demonstrationen kam es jeweils zu 12 Angriffen.

Angriffszahlen in Gera verdoppeln sich

Wie in den vergangenen Jahren bleibt Erfurt mit 46 Angriffen Schwerpunkt rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt im Freistaat. Darauf folgen Jena und Gera. In beiden Thüringer Großstädten haben Angriffe stark zugenommen, in Gera hat sich die Zahl sogar verdoppelt. Auch im Landkreis Sonneberg bleibt rechte Gewalt auf einem hohen Niveau. Auffällig ist zudem, dass in weiteren Städten und Landkreisen, wie in Weimar, im Landkreis Nordhausen oder im Saale-Holzland-Kreis, die Zahl der Fälle im zweistelligen Bereich liegen.

Balkendiagramm mit dem Vergleich der Angriffe nach Landkreisen für die Jahre 2023 und 2024, wobei Erfurt mit den höchsten Werten von 40 (2023) und 46 (2024) an der Spitze steht und die Werte für jeden Landkreis in dunklen und helleren Grüntönen dargestellt sind.

Tendenzen wie in den 1990er-Jahren

Rechte Gewalt entwickelt sich damit zu einem Massenphänomen, wobei die Opferberatungsstelle ähnliche Tendenzen wie in den 1990er-Jahren beobachtet. Zum einen, weil die Fallzahlen in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen sind. Dies belegt nicht nur das unabhängige Monitoring von ezra, sondern auch die Statistik des Thüringer Innenministeriums zu „Politisch Motivierter Kriminalität“ (TMIKL 2025). Zum anderen nehmen die Angriffe flächendeckend bzw. im ländlichen Raum zu.

Eine weitere Parallele zur Nachwendezeit zeigt sich in der gesellschaftlichen Stimmung, in der hohe Zustimmungswerte zu extrem rechten Positionen mit einer Zunahme rechtsmotivierter Straftaten einhergehen. Durch die Wahlergebnisse der rechtsextremen AfD fühlen sich rechte Gewalttäter*innen legitimiert (Lauß/Zobel 2024). Im Unterschied zu den 1990er-Jahren erhalten diese durch einflussreiche rechtsextreme Akteur*innen wie die AfD ideologische Rückendeckung. Das zeigt sich zum Beispiel in parlamentarischen Angriffen auf gemeinsame politische Gegner*innen wie Projekte, Initiativen oder Organisationen aus den Bereichen Demokratie-, Antidiskriminierungs- oder Integrationsarbeit. Darüber hinaus bestehen vielfach nachgewiesene Verbindungen zur organisierten Neonazi-Szene, deren Mitglieder ganz offen an Veranstaltungen wie dem Abschluss des Landtagswahlkampfs teilnehmen (Beck 2024).

Gleichzeitig zeigt sich in der aktuellen Entwicklung eine wachsende Enthemmung: So greifen Täter*innen zunehmend völlig ungehindert am helllichten Tag im öffentlichen Raum an. Beispielhaft steht dafür der Angriff auf einen Mitarbeiter der TU Ilmenau, der bei einem Fahrradausflug mit seiner Familie zunächst von einem Mann rassistisch beleidigt und später vor seinem Haus von diesem geschlagen wurde. 

Vermehrt jugendliche Neonazis als Täter*innen und Wiedererstarken neonazistischer Jugendgruppen

Besonders auffällig ist zudem, dass von ezra vermehrt jugendliche bzw. junge Neonazis als Täter*innen wahrgenommen werden, die in ihrem Aussehen an Neonazis der 1990er-Jahre erinnern. Dieses Phänomen ist auch in anderen ostdeutschen Bundesländern zu beobachten (Litschko 2025). Das zeigt sich zum Beispiel in einem Fall im Oktober 2024 in Erfurt, als vier junge Männer eine Freund*innengruppe brutal angreifen, weil eine Person aus der Gruppe einen Beutel der Jugendorganisation der Partei Die Linke trägt.

Zudem ist mit großer Sorge ein Wiedererstarken neonazistischer Jugendgruppen zu beobachten. Diese schaffen durch ein dominantes und aggressives Auftreten Angsträume. Wie in den zuvor geschilderten Fällen in Erfurt fallen diese mit Gewalt gegen linke und queere Menschen auf. Konkret zeigt sich das zum Beispiel in Gera, wo mit der „Gerschen Jugend“ eine neonazistische Jugendgruppe sehr präsent ist. Sie nimmt regelmäßig an den sogenannten Montagsdemonstrationen von Neonazi und AfD-Mitglied Christian Klar teil, tritt brutal auf und war auch an Angriffen beteiligt. So schlug unter anderem ein Mitglied der Gruppe einem schwulen Paar mehrfach ins Gesicht.

In der Nachwendezeit, in der sich durch jugendliche Neonazi-Gruppen vielerorts eine rechte Hegemonie auf der Straße ungehindert entfalten konnte, entwickelte sich rechte Gewalt zu einem Massenphänomen. Mit Blick auf die Gegenwart sind soziale Medien eine zusätzliche Verstärkung in der Radikalisierung von Jugendlichen, die sich dort auch vernetzen und organisieren. Auf diese Entwicklung muss dringend reagiert werden, indem Jugendliche gestärkt werden, die von den rechten Dominanzbestrebungen und der damit einhergehenden Gewalt betroffen sind.

Sicherheitspolitik: Langfristige Absicherung und Ausbau von Fachberatungsstellen

Der entscheidende Unterschied zu den 1990er-Jahren ist, dass sich ein professionelles Angebot der sozialen Arbeit für Betroffene von rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt und Bedrohungen etabliert hat. Allein im Jahr 2024 konnten durch die Thüringer Opferberatungsstelle 209 Menschen mit 830 Unterstützungsleistungen geholfen werden. Doch die Finanzierung von Beratungsstellen wie ezra ist nur bis Ende 2025 gesichert. Jahr um Jahr bangen diese und andere Demokratieprojekte um ihre Existenz. Deswegen braucht es die langfristige Absicherung und den Ausbau von Fachberatungsstellen, die beispielsweise über Landes- und Bundesprogramme wie „DenkBunt“ und „Demokratie leben!“ gefördert werden (Otto 2025). Denn diese leisten einen essenziellen, sicherheitspolitischen Beitrag: Indem sie die Betroffenen durch die langjährigen Instanzenwege begleiten, stärken sie das Vertrauen in den Rechtsstaat. Durch die Beratung zu möglichen Schutz- und Sicherheitsmaßnahmen tragen sie zur Prävention bei. Zudem stellen sie durch ihre Expertise bei der Erfassung und Sichtbarmachung rechter Angriffe ein wichtiges Frühwarnsystem und eine Risikoanalyse für Sicherheitsbehörden, Politik und Wissenschaft zur Verfügung.

Literatur & Quellen

Beck, Kilian (2024): Militante Rechte bei AfD-Abschlusskundgebung mit Höcke in Thüringen. Online: https://www.fr.de/politik/bjoern-hoecke-afd-demo-erfurt-thueringen-wahl-neonazis-nsu-rechtsextremismus-zr-93277762.html [06.04.2025].

ezra (2024): Mutmaßlich rechte Anschlagsserie auf demokratische Politiker*innen in Thüringen: Existentielle Bedrohung für Betroffene und Demokratie. Online: https://ezra.de/pressemitteilung-mutmasslich-rechte-anschlagsserie-auf-demo-kratische-politikerinnen-in-thueringen-existentielle-bedrohung-fuer-betroffene-und-demokratie/ [06.04.2025].

ezra (2025): Opferberatungsstelle ezra veröffentlicht Jahresstatistik 2024: Erstmals mehr als 200 Angriffe in Thüringen registriert – Rechte Gewalt entwickelt sich zu einem Massenphänomen. Online: https://ezra.de/jahresstatistik2024/ [06.04.2025].

Lauß, Theresa/Zobel, Franz (2024): Rechte, rassistische und antisemitische Gewalt weiterhin auf hohem Niveau, Sonneberg als neuer Hotspot in Thüringen. Online: https://www.idz-jena.de/fileadmin/user_upload/Publikationen/IDZ-ThuerZustaende24-Broschur-170x240mm-D-gesamt-web-Doppelseiten.pdf [06.04.2025].

Litschko, Konrad (2025): Rechtsextreme Jugendszene. Brutal jung. Online: https://taz.de/Rechtsextreme-Jugendszene/!6076353/ [06.04.2025].

Otto, Elmar (2025): Deshalb braucht die Opferberatung in Thüringen mehr Geld. Online: https://www.thueringer-allgemeine.de/politik/article408707143/deshalb-braucht-die-opferberatung-in-thueringen-mehr-geld.html [07.04.2025].

Rückewold, Andreas (2025): Ein Jahr nach Brandanschlag auf sein Haus: SPD-Lokalpolitiker hat Thüringen verlassen. Online: https://www.mdr.de/nachrichten/thueringen/west-thueringen/gotha/brandanschlag-spd-politiker-schnepfenthal-100.html [06.04.2025].

TMIKL (2025): Statistik Politisch Motivierter Kriminalität 2024. Online: https://innen.thueringen.de/fileadmin/Thueringer_Polizei/polizei/Statistiken/PMK_2024.pdf [06.04.2025].