Ein Jahr ezra-Regionalstelle Gera: Unabhängige Beratung dort, wo rechte Gewalt besonders präsent ist 

Vor einem Jahr (am 15.08.2025) hat ezra – Beratung für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Thüringen eine Regionalstelle in Gera eröffnet. Die Beratungsstelle hat das Ziel, Betroffene in Ostthüringen schneller und wohnortnah zu erreichen. Ein Jahr nach Eröffnung wissen wir: Die Regionalstelle hat sich etabliert. Sie wird von Ratsuchenden angenommen und ist fester Bestandteil eines professionellen Beratungs-Netzwerkes geworden. 

Die unabhängige Jahresstatistik von ezra verdeutlicht, dass Ostthüringen weiterhin ein Schwerpunkt rechter Gewalt in Thüringen ist. Im Jahr 2025 registrierte ezra 16 Angriffe im Altenburger Land, 12 in Gera und 9 im Landkreis Greiz. Damit entfielen 37 der landesweit dokumentierten Angriffe auf die Region Ostthüringen.  

Seit ihrer Eröffnung unterstützt die Regionalstelle Betroffene in bislang 24 – mitunter fortlaufenden – Beratungsfällen und hat bereits 136 Unterstützungsleistungen erbracht. Dazu zählen u. a. psychosoziale Beratung, die Vermittlung von Anwält*innen, die Begleitung zu Polizei- und Gerichtsterminen und die Verweisberatung.  

Die Beratungsarbeit war im ersten Jahr insbesondere von rassistisch motivierten Angriffen geprägt. Darüber hinaus unterstützte die Regionalstelle Personen, die als politische Gegner*innen, auf Grund queerfeindlicher Abwertung sowie aus sozialdarwinistischen Motiven angegriffen wurden.  

Exemplarisch dafür stehen diese Beratungsfälle:  

Im Altenburger Land werden zwei Freunde immer wieder queerfeindlich angegriffen, beleidigt, ausgegrenzt. Unter anderem gibt es körperliche Übergriffe im ÖPNV oder in der Umkleide im Fitnessstudio.  

Weiterhin wird ein noch minderjähriger junger Mann, der mit seinen Freunden im Garten Zeit verbringt, erst rassistisch von einem erwachsenen Mann beleidigt und dann körperlich angegriffen. Auch dieser Fall eignete sich im Altenburger Land. 

In Gera wird einem Jugendlichen in Anwesenheit seiner Eltern von dem Vater einer Mitschülerin gedroht, er werde seinen Hund auf ihn hetzen. Zudem wird die Familie rassistisch beleidigt. In der Vergangenheit hatte der Hund bereits einen Freund des Jugendlichen in Anwesenheit der Mutter der Mitschülerin gebissen. Als die Familie den Ort verlassen will, blockiert der Täter ihr Auto mit seinem und setzt die rassistischen Beleidigungen fort. Die Bedrohung wirkt für den Jugendlichen bis heute nach und löst Stress und Angst aus. 

Neben der Beratungsarbeit wurde auch die Vernetzung in der Region kontinuierlich ausgebaut. Die Mitarbeitenden der Regionalstelle nutzten und nutzen vielfältige Veranstaltungen, um über das ezra-Beratungsangebot zu informieren. Dazu zählen u. a.: Sozialraumkonferenzen, das internationale Stadtfest Altenburg, die Kundgebungen von Gutes für Gera und das jährliche Gedenken an Oleg Valger, der 2004 in Gera von extremen Rechten ermordet wurde. Oleg Valger zählt zu den insgesamt zehn Todesopfern rechter Gewalt in Thüringen, die durch ein unabhängiges Gutachten zur offiziellen Anerkennung empfohlen wurden. 

Zudem arbeiten die beiden zuständigen Kolleginnen eng mit kommunalen Stellen, Beratungsangeboten (z. B. Migrationsberatungsstellen von Volkssolidarität, Diakonie und Caritas sowie dem Flüchtlingsrat) und zivilgesellschaftlichen Initiativen zusammen. Ziel ist es, 
Betroffene frühzeitig zu erreichen und regionale Unterstützungsstrukturen weiter zu verzahnen. 

Miriam Gese, Beraterin in der ezra-Regionalstelle Gera, erklärt: „Viele Betroffene erleben rechte Gewalt dort, wo sie wohnen, arbeiten oder zur Schule gehen. Manche von ihnen werden immer und immer wieder angegriffen. Eine Beratungsstelle vor Ort erleichtert den Zugang zu Unterstützung erheblich. Sie ermöglicht es, Menschen zeitnah zu begleiten und sie auch über einen längeren Zeitraum hinweg zu unterstützen – angepasst an ihre individuellen Bedürfnisse und mit dem Wissen um die Bedingungen in den jeweiligen Städten bzw. Landkreisen.“ 

Johanna Schäfer, ebenso Beraterin in der ezra-Regionalstelle ergänzt
„Ostthüringen ist ein Hotspot rechter Gewalt. Gleichzeitig ist Ostthüringen eine Region, in der sich Menschen mit beeindruckender Entschlossenheit rechter Gewalt entgegenstellen. Betroffene schließen sich zusammen und stärken sich gegenseitig. Ehrenamtliche schaffen Räume, in denen Menschen unterschiedlicher Hintergründe zusammenkommen und Einblick in andere Lebensrealitäten erhalten. Aus gutem Grund hat die Initiative Straßenfest aus Schmölln dieses Jahr den Thüringer Demokratiepreis erhalten. Wir wollen diejenigen stärken, die sich gegen rechte Gewalt behaupten, und gleichzeitig für die Menschen da sein, die von ihr betroffen sind.“

Der Aufbau der Regionalstelle wurde 2025 zunächst durch Drittmittel des Bündnisses Vereint für Demokratie ermöglicht. Anschließend wurden 2026 die benötigten Gelder dankenswerterweise über die Förderprogramme Demokratie leben! bzw. Denk bunt zur Verfügung gestellt. 

Theresa Lauß, ezra-Projektleiterin, erklärt: „Wir freuen uns, dass unser Fördermittelgeber den Bedarf einer Regionalstelle in Ostthüringen erkannt und 2026 die Finanzierung übernommen haben. Das vergangene Jahr hat gezeigt, wie wichtig eine spezialisierte und unabhängige Beratung direkt vor Ort ist. Damit Betroffene auch künftig verlässlich unterstützt werden können, braucht es eine langfristige Absicherung der Regionalstelle in Gera und der Beratungsarbeit von ezra in ganz Thüringen.“ 

Begleitend führen wir folgend Zitate unserer Kooperations- und Netzwerkpartner*innen zum 1-jährigen Bestehen der Beratungsstelle in Ostthüringen auf. Vielen Dank für die Unterstützung und die Wertschätzung:

Luis Schäfer, Ortsteilbürgermeister Gera Stadtzentrum: „ezra ist im Stadtteil ein verlässlicher Partner – sowohl zivilgesellschaftlich als auch für die Opfer rechter Gewalt. Ich bin dankbar, dass wir das Glück haben, so eine Anlaufstelle hier in der Stadt zu haben, als eine von zwei in ganz Thüringen.”  

Aktionsbündnis für Demokratie und Solidarität Altenburger Land: „Wir können im Altenburger Land widersprechen und Solidarität organisieren – professionelle Unterstützung für Betroffene rechter Gewalt aber nicht ersetzen. Ohne die Regionalstelle von ezra wären Menschen nach Angriffen häufiger auf sich allein gestellt und uns als Zivilgesellschaft würden wichtige Partner*innen fehlen.“

Initiative Straßenfest Schmölln: „Mit ezra haben wir Ansprechpartner*innen, die uns und Betroffenen innerhalb und außerhalb von akuten Krisensituationen mit Rat und Tat zur Seite stehen. Darüber hinaus macht ezra mit der Dokumentation und der Aufarbeitung wahnsinnig wichtige Arbeit, die uns hilft, die Erkenntnisse über unsere „Thüringer Zustände“ in die Bevölkerung zu tragen. Es ist keine Übertreibung: ezra ist unglaublich wichtig und wir sind dankbar, dass wir sie haben.“

Aktionsbündnis Kolibri Greiz: „Wir finden es wichtig, dass ezra da ist und Betroffenen rassistischer Gewalt zur Seite springt. Besonders im ländlichen Raum braucht es das Angebot, gerade hier stärkt es uns den Rücken, dass vor Ort und nicht nur im fernen Erfurt Menschen mit Expertise ansprechbar sind.“ 

ezra arbeitet in Trägerschaft des re:solut e.V. (Rundum engagiert: solidarische Unterstützung in Thüringen e.V.), einem selbstständigen Werk der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Seit April 2011 unterstützt die Beratungsstelle Menschen, die angegriffen werden, weil Täter*innen sie einer von ihnen abgelehnten Personengruppe zuordnen. Zu dem Beratungsangebot zählen u. a. die psychosoziale Beratung, die Suche nach geeigneten Ärzt*innen, Therapeut*innen und Rechtsanwält*innen sowie die Begleitung von Terminen bei Behörden (Polizei, Gericht etc.). 

Gefördert wird die Opferberatungsstelle im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ durch das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie über das Thüringer Landesprogramm für Demokratie, Toleranz und Weltoffenheit „DenkBunt“. 

Die Veröffentlichung stellt keine Meinungsäußerung des TMSGAF oder des BMBFSFJ dar. Für inhaltliche Aussagen und Meinungsäußerungen tragen die Publizierenden dieser Veröffentlichung die Verantwortung.